Kapitel 86
oder vor zwei, aber nicht, wie Sie es spielen. Ich sollte gern wissen, wie es beeinflußt,
ihr', und so weiter, als ob er annahm, waren wir ständig in einander
Gesellschaft."
"Lassen Sie mich den Brief sehen."
"Ach, Nr."
"Haben Sie es beantwortet?"
"Nr."
"Lassen Sie mich den Brief sehen."
"Nein, und wieder, Nr."
"Spielen Sie dann das Impromptu für mich."
"Es wächst spät; wieviel Uhr müssen Sie zu Hause sein?"
"Zeit betrifft mich nicht. Ihre Frage scheint ein wenig unhöflich. Spielen Sie das
Aus dem Stegreif."
"Aber Sie haben mir nichts von sich mitgeteilt. Was machen Sie?"
"Gemälde!" lachte Edna. "Ich werde Künstler. Denken Sie daran!"
"Ah! ein Künstler! Sie haben Ansprüche, Madame."
"Warum Ansprüche? Glauben Sie, daß ich kein Künstler werden konnte?"
"Ich kenne Sie nicht, gut genug zu sagen. Ich weiß Ihr Talent nicht oder
Ihr Temperament. Um zu sein, schließt ein Künstler viel ein; man muß viele besitzen
Geschenke, absolute Geschenke, die nicht von seiner eigener Anstrengung erworben worden sind.
Und, überdies um erfolgreich zu sein, muß der Künstler die mutige Seele besitzen."
"Was meinen Sie durch die mutige Seele?"
"Mutig, ma foi! Die tapfere Seele. Die Seele, die es wagt und sich widersetzt."
"Zeigen Sie mir den Brief und das Spiel für mich das Impromptu. Sie sehen, daß ich habe,
Beharrlichkeit. Zählt diese Qualität in Kunst für alles?"
"Es zählt für einen dummen bitteren Beifuß, den Sie fasziniert haben", antwortete
Mademoiselle, mit ihrem zappelnden Lachen.
Der Brief war bei Hand in der Schublade des kleinen Tisches dort richtig
auf welchem hatte Edna nur ihre Kaffeetasse gesetzt. Mademoiselle öffnete
die Schublade und zeichnete den Brief, das Oberst, hervor. Sie setzte es darin
Ednas Hände, und ohne weitere Anmerkung entstand und ging zum Klavier.
Mademoiselle spielte ein weiches Zwischenspiel. Es war eine Improvisation. Sie saß
muhen Sie beim Instrument, und die Reihen von ihrem Körper ließen sich in ungraziös nieder
Kurven und Winkel, die ihm ein Aussehen der Mißbildung gaben. Allmählich und